Verstörend und wunderbar magisch

Der Kinderdieb - Brom, Jakob Schmidt

Inhalt: Leise wie ein Schatten streift ein merkwürdiger Junge durch die Straßen von New York. Er nennt sich Peter und ist auf der Suche nach Kindern und Jugendlichen, die dringend Hilfe brauchen. Peter rettet sie - und bietet ihnen an, sie in sein magisches Reich zu führen, in dem niemand je erwachsen werden muss. Doch er verrät ihnen nicht, dass dieses Land im Sterben liegt und dort nicht nur magische Geschöpfe und das Abenteuer ihres Lebens auf sie warten, sondern auch größte Gefahr ... (Quelle: Klappentext der gebundenen Ausgabe)

 

Meine Meinung: Wer denkt bei dem Namen "Peter" und der Erwähnung eines Landes, in dem niemand je erwachsen werden muss nicht unweigerlich an die Geschichte des "Peter Pan"? Ich tat es und auch die ersten Seiten des Buches ließen mich immer wieder Parallelen ziehen. Doch sehr bald merkt man, dass es sich bei dieser Geschichte um eine ganz andere Version des Märchens handelt ...

 

Schon zu Beginn des Buches, mit den ersten Worten des Prologs, wird dem Leser vor Augen geführt, dass es sich beim "Kinderdieb" um eine Geschichte voller Gewalt und Brutalität handelt. Das mag zunächst abschreckend klingen und ich habe durch das ganze Buch hindurch eine Gänsehaut nach der anderen bekommen, doch Broms Schreibstil ist so klar und fesselnd, dass man dennoch nicht anders kann als weiter zu lesen.

Besonders verschreckend ist natürlich das Wissen, dass es Kinder sind, die sich hier in tödliche Kämpfe begeben und dass auch Peter, den es danach lüstet seine Gegner einen nach dem anderen abzuschlachten, eben nur ein Junge ist. Brom erzählt seine Geschichte schamlos und stellt dem Leser die Geschehnisse so klar vor Augen, dass die unheimlich real wirken. Trotz einiger Momente, in denen ich reinen Ekel verspürt habe, ließ sich das Buch unheimlich gut lesen und die knapp 650 Seiten "flogen" nur so vorbei. Die Geschichte um Peter hatte mich ganz in ihren Bann gezogen, sodass es mir schwer fiel, das Buch aus der Hand zu legen. Ich muss allerdings zugeben, dass mich diese ... unglaubliche Todeswut, die alle 50 Seiten (gefühlt) wieder erwähnt wurde, ab und an ein wenig genervt hat.

 

Die Welt, die Brom in seinem Buch zeichnet strotzt von einer unglaublichen Liebe fürs Detail und wird dem Leser so deutlich vor Augen geführt, dass man nicht anders kann, als sich völlig hineinzuversetzen und ganz in der Geschichte zu stecken. Das bietet natürlich einen großen Vorteil die Figuren zu verstehen und mit ihnen mit zu fühlen. So konnte ich mit ihnen lachen, Angst haben und stellenweise sind mir sogar ein paar Tränen gekommen. Selbst die Figuren, die irgendwie nur am Rand der Geschichte stehen werden sehr klar charakterisiert - mit nur wenigen Worten.

Allen voran stehen aber natürlich Peter und Nick, zwei Jungen, die durch Peters Handeln das selbe Schicksal tragen, aber dennoch vom Charakter her unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide konnte ich, trotz einiger Eigenheiten (vor allem Peters Mordlust), sehr schnell in mein Herz schließen.

 

Drei weitere Dinge sind noch zu erwähnen, die das Buch als Ganzes abgerundet haben. Da wären zum einen die Illustrationen des Autors, die das ganze Buch hindurch immer wieder auftauchen und einzelne Szenen noch einmal realer erscheinen lassen. Besonders gut gefiel mir, dass sich genau in der Mitte des Buches einige farbige Zeichnungen befinden, auf denen die wichtigsten Figuren aus Peters Welt abgebildet sind. Interessant hierbei ist, dass die meisten Bilder die Szenerie genau so zeigten, wie ich sie mir vorgestellt hatte, was von der besonderen Darstellungsgabe des Autors zeugt.

Des Weiteren ist die Geschichte gespickt von Rückblicken in Peters "Anfänge" in Avalon (dem Land, in dem er lebt), durch die man ihn immer ein bisschen besser kennen- und verstehen lernt.

Und zuletzt das Nachwort des Autors, zur Entstehung des Buches. Normalerweise lese ich mir diese nicht durch, doch hier interessierte mich, was er zu sagen hatte und ich fand es unheimlich spannend zu lesen, wie "Der Kinderdieb" aus dem Wunsch entstand, nach dem Vorbild der "wahren" Geschichte Peter Pans einen eigenen Peter zu entwickeln, der die Kinder mitnimmt, damit sie nie erwachsen werden.

 

Fazit: Eine wirklich tolle, wenn auch grausame Geschichte über die Magie der Kindheit und einen Jungen, der nicht erwachsen werden will. Voller Fantasie und bildreich erzählt, mit einem Ende, das überrascht, aber dennoch zufrieden stellt.

Leider muss ich einen halben Stern Abzug geben, da ich eine Wendung (*Spoiler an* Das Zusammentreffen von Avalon und "unserer" Welt *Spoiler aus*) ein wenig albern fand.

Somit vergebe ich 4,5 von 5 Sternen mit einer klaren Leseempfehlung. Ein Buch, das sicher länger in Erinnerung bleibt.