Eine unglaubliche Freundschaft und ein Buch mit ganz viel Gefühl

Hannes - Rita Falk

Meine Meinung:

Auf "Hannes" bin ich wirklich nur durch Zufall gestoßen. Ich finde Bücher immer ganz interessant, deren Titel nur aus einem Namen besteht, weil man daraus einfach nichts lesen kann, außer, dass es eben wahrscheinlich um diese Person geht. Und ich denke, das hat mich auch hier zum Buch greifen lassen. Dann noch der Klappentext dazu und ich wusste: Das Buch möchte ich lesen!
 
Jetzt im Nachhinein meine Leseeindrücke in Worte zu fassen fällt mir tatsächlich nicht so leicht wie gedacht. Fangen wir vielleicht erst nochmal damit an, worum es überhaupt geht. Hannes, 21 Jahre alt, liegt nach einem Motorradunfall im Koma. Sein bester Freund Uli, ebenfalls 21, beginnt, Hannes Briefe zu schreiben, in denen er ihm von alldem berichtet, was er in seinem Zustand verpasst. Damit hätten wir dann den groben Handlungsstrang beschrieben. Aber natürlich ist das nicht alles. Wenn der Freund bzw. Sohn plötzlich im Koma liegt und man vor der Ungewissheit steht, ob er je wieder aufwachen wird, oder nicht, verändert sich das Leben aller Beteiligter. So auch in diesem Fall. Die Eltern sind am Boden zerstört, die Freunde schockiert - und irgendwie scheint alles nach diesem Unfall in die Brüche zu gehen.
 
Uli wirkt immer ein bisschen wie ein Fels in der Brandung. Er besucht seinen Freund Hannes so oft es neben seiner Zivi-Tätigkeit eben geht und berichtet ihm alles, was er eben so erlebt. Man merkt schnell, dass die beiden eine besondere Freundschaft verbindet. Hannes war immer Ulis "Tagebuch" - und ist es nun noch, indem er ihm diese Briefe schreibt. Und das wird wirklich deutlich. Uli erzählt Hannes von seinen Ängsten und Hoffnungen, von seinen Eroberungen in der Frauenwelt, neuen Freundschaften, den Problemen mit seinen Eltern und davon, wie sich alle - besonders im Freundeskreis - immer weiter voneinander entfernen. Er scheint immer mit einem gewissen Humor an die Situation heranzugehen, doch man merkt sehr schnell, dass dies nur oberflächlich ist. Uli ist ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann. Er steht Hannes bedingungslos zur Seite und will ihn gegen jeglichen negativen Einfluss beschützen. 
Doch, man kann sagen, dass in diesem Buch eigentlich Uli der zentrale Charakter ist - und Hannes eben "nur" ein Teil von ihm.
Da das Buch in Briefform verfasst ist, hatte ich zunächst ein wenig Sorge, dass es vielleicht trotz des bewegenden Hintergrundes sehr eintönig sein könnte bzw. man vielleicht zu wenig erfahren würde. Doch das war überhaupt nicht der Fall. Uli findet genau die richtige Mischung zwischen Berichten über seine eigenen Erlebnisse und über das, was rund um Hannes, dessen Familie und Freunde passiert. Man lernt zwar jeden nur aus seiner Sicht kennen, ich hatte aber trotzdem immer das Gefühl, dass alle Beschreibungen in gewisser Weise noch "offen" waren, sodass man sich am Ende ein eigenes Bild zu jeder Person zusammenbasteln konnte. 
Angepasst an die Form des Buches ist natürlich auch der Schreibstil. Die Briefe sind zwar leicht und verständlich zu lesen, er ist aber teilweise etwas sprunghaft und sehr umgangssprachlich. Eben so, wie man spricht/schreibt, wenn man sich etwas von der Seele reden/schreiben will. Dann fällt einem hier noch etwas ein, dies und jenes muss besonders betont werden und so weiter. Aber ich finde es eher positiv, dass sich auch der Autor wirklich ganz auf diese Form bzw. die Geschichte eingelassen hat und will das daher nicht negativ werten. Das einzige, was mich wirklich gestört hat, was Ulis ständiges "na ja" in gefühlt jedem zweiten Satz.
 
Die Stimmung des Buches ist die meiste Zeit sehr bedrückend. Uli erzählt zwar auch sehr humorvoll von seinen Erlebnissen im "Vogelnest", wo er seinen Zivildienst leistet, sodass man für einen kleinen Moment mal vergessen kann. Aber am Ende ist eben immer diese Gewissheit da, dass er die Briefe für jemanden schreibt, der auf Erzählungen nicht reagiert bzw. gerade weil er nicht reagiert und der momentan keine eigenen Erlebnisse machen kann. Die ganze Zeit schwankte ich zwischen Hoffnung, dass es mit Hannes wieder bergauf gehen würde und Sorge, dass sich sein Zustand verschlechtern könnte. 
Das Buch hatte mich völlig in seinen Bann gezogen. Ich konnte sehr gut mit den verschiedenen Personen mitfühlen, auch wenn ihre Gefühle nur von Uli dargestellt wurden, ich konnte Zusammenbrüche und Hochgefühle nachvollziehen und hatte nicht nur einmal einen richtig dicken Kloß im Hals.
 
Zum Ausgang der Geschichte möchte ich nichts sagen, außer, dass ich geweint habe. Ob nun aus Trauer oder vor Freude soll jeder für sich selbst herausfinden.
 
Fazit: 
"Hannes" ist kein Buch über einen Menschen, der im Koma liegt und dessen Entwicklung ungewiss ist, sondern es ist allem voran ein Buch über eine ganz besondere Freundschaft. Ich denke, dass es sicher nicht jeden auf die gleiche Weise rühren kann, aber das muss ja auch nicht immer so sein. Wenn man sich jedoch ganz auf das Buch einlässt, hat man am Ende fast das Gefühl, als würde Uli die Briefe für einen selbst schreiben und man freut sich darüber, dass es noch solche Freunde gibt.